b i o

c  l  e  m  e  n  s    s a l e s n y

 

Clemens Salesny

 

Wer als Zaungast die österreichische Jazzszene von Zeit zu Zeit mitverfolgen darf, wird unweigerlich zweier Umstände gewahr: Zum einen gibt es eine innovative und höchst aktive neue Generation junger Jazzer, welche sich neben den bekannten Stars Wolfgang Puschnig, Harry Sokal etc etabliert. Zum anderen stößt man, gleich in welches Feld des zeitgenössischen österreichischen Jazz man blickt, alsbald auf den Saxophonisten Clemens Salesny, der in beiden Kreisen, bei den Arrivierten wie den Aufstrebenden, reüssiert - und das nicht erst seit kurzem, wie am Quintett des Saxophonisten ersichtlich ist.

Anfang Oktober 1994 ist beim Maturaball des Stiftsgymnasiums in der Jazzbar erstmals das "Clemens Salesny Quintett" zu hören - namensgebend ein Schüler einer 5. Klasse, der als deutlich Jüngster dennoch die Gruppe leitet. Bereits ein Monat später spielt die Formation bei der Eröffnungsfeier einer Ausstellung des bildnerischen Zweiges (Oberstufenrealgymnasium) und sollte bald schon die Grenzen der Schule überschreiten.

Die Musiker rund um Clemens Salesny wechseln im Lauf der Jahre immer wieder - erstaunlich ist, dass nach der Matura des Bandleaders bald Musiker der obersten Liga, nämlich Christian Radovan (Posaune) und der weit über Österreich hinaus bekannte Trompeter Bumi Fian, einsteigen. Letzterer bleibt fixer Teil der Formation - mit seinem frühen Tod löst sich die Gruppe auf, und es kommt eine Kontinuität zum Abschluss, die Clemens Salesny von der ersten Band der Schulzeit, die von Anfang an mehr war als eine bloße Schülergruppe, bis in die Kollegenschaft der großen österreichischen Jazzer trägt. Dokumentiert bleibt der Klang der Gruppe auf der 2004 aufgenommenen CD "Always Blue", deren Tracks zur Hälfte Kompositionen von Clemens Salesny sind. Einer der von ihm geschriebenen Titel ("A & F") erklingt im Frühjahr 2006 bei einer Hommage an den verstorbenen Trompeter Bumi Fian in einer sehr beeindruckenden Weise. "A & F" wechselt ab etwa der Hälfte des Liedes ins Rock-Feeling und bietet Raum für ein ausladendes Trompetensolo, mit welchem Bumi Fian im Original auch sofort beginnt. Wer die ursprüngliche Aufnahme einmal gehört hat, wartet bei der Version des Gedenkkonzertes vegeblich auf die hohen rhythmischen Trompetenstöße zu Beginn des Solos - Lorenz Raab, der bei jener Hommage die schwierige Aufgabe des Trompeters übernommen hat, lässt ganze vier Takte frei. Jemand fehlt. Raab lässt vier Takte frei, um dann mit einer zunächst traurigen Melodie einzusteigen, die im Laufe des Solos, schließlich gemeinsam mit der Bassclarinette Salesnys, immer mehr zur Empörung - vielleicht über den so frühen Tod Bumi Fians - wird. Es ist das für mich die ergreifendste Würdigung des lange Zeit führenden Jazztrompeters Österreichs, der eines so wenig beachteten leisen Todes gestorben ist. Auch für einen anderen, vor kurzem ebenso unbemerkt verstorbenen Musiker, den international bekannten Gitarristen Harry Pepl, bemühte sich Clemens Salesny mit einigen musikalischen Weggefährten um eine Form des musikalischen Andenkens, hatte die beiden doch noch eine gewisse Zeit musikalischer Zusammenarbeit verbunden, als der Gitarrist schon von Krankheit gezeichnet war.

Gewann die oben erwähnte Version der Nummer "A & F" im Gedenken an Bumi Fian durch die Pause, durch die Unterbrechung ihren eigentümlichen Charakter, so zeigt sich dieses Motiv bei einer zweiten Veranstaltung, welche Clemens Salesny mit seinem Duopartner, dem Pianisten Clemens Wenger, mitgestaltete, in expliziter Weise.

Ende Jänner 2002 hält Franz Moser (Maturajahrgang 1995) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten den unter dem Titel "Auferstehung als Unterbrechung" stehenden Hauptvortrag der alljährlich zum Fest des Theologen und Philosophen Thomas von Aquin stattfindenden Akademie. Der Titel ist inspiriert an dem Wort des berühmten Theologen Johann Baptist Metz: "Kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung." Religion gilt ihm als heilvolle Unterbrechung des alles und jedes vergleichgültigenden Zusammenhanges einer ewig weiterlaufenden Zeit, deren Kontinuität über Gelungenes wie über die Brüche der Geschichte in unberührter Weise hinweg fortschreitet. Das Motiv der Auferstehung stellt nun in besonderer Weise eine Unterbrechung des unheilvollen Zusammenhanges ewigen naturhaften Werdens und Vergehens dar. Als Musik für die sich mit dieser Thematik auseinandersetzende Veranstaltung wurde John Coltranes "A love supreme" vorgeschlagen. Ohne Notenmaterial rekonstruierte Clemens Salesny mithilfe der Aufnahmen drei der Stücke aus dem genannten Album Coltranes, um sie gemeinsam mit Clemens Wenger zu Gehör zu bringen. John Coltrane, der in Heroinabhängigkeit verstrickt war, hatte selbst die Befreiung aus dieser umgreifenden Sucht als Unterbrechung, ja als Auferstehung erfahren. "A love supreme" ist spirituell aufgeladenes Bekenntnis dieser existentiellen Unterbrechung. Den Titel "Unterbrechung" trägt dann auch ein frei improvisiertes Stück von Salesny und Wenger, mit welchem sie die Veranstaltung beschließen.

Clemens Salesny und Clemens Wenger verbindet seit nunmehr einigen Jahren eine Freundschaft und musikalische Nähe. Wiewohl sie einander bereits kannten, bedurfte es doch gleichsam einer Notsituation, dass sie zum "Duo Salesny/Wenger" wurden. Als bei einer Session zu fortgeschrittener Stunde keine Bassisten und Schlagzeuger mehr anwesend waren, spielten die beiden kurzerhand im Duo und entdeckten die Kompatibilität ihrer musikalischen Vorstellungen. Salesny, der in seiner eigenen schon erwähnten Formation eine zeitlang mit einer Besetzung ohne Harmonieinstrument experimentierte, verstand sich auf Anhieb gut mit einem Pianisten, der sein Instrument nicht allein als Harmonie- und Begleitinstrument ansieht, sondern eine große Offenheit für freiere musikalische Formen und Funktionszuordnungen der Instrumente mitbringt. "Die wilden Jahre" dieser fruchtbaren Zusammenarbeit spiegelt eine gleichnamige CD.

Fanden bislang nur die Formation des Duos und des Quintetts Erwähnung, so muss herausgestrichen werden, dass Clemens Salesny alle der gängigen Typen des Zusammenspiels im Jazz regelmäßig pflegt. Mit dem etablierten Vibraphonisten Woody Schabata und dem Bassisten Raphael Preuschl bildet er ein Trio. Seit einiger Zeit ist Salesny Partner des Saxophonisten Max Nagl bei dessen Projekt "Wumm! Zack!"- Quartett. Paul Zauners Ensemble "Blue Brass" ist eine klassische Rhythmusgruppe mit Bläsersektion. Und schließlich die großen Formationen: die Bigband "Nouvelle Cuisine" oder etwas schlanker: das "Flip Philipp - Ed Partyka Dectet" und das "Max Nagl Ensemble" mit jeweils zehn Beteiligten.

Der aus Oberösterreich stammende eben erwähnte Saxophonist Max Nagl, dessen Musik sich wohl jeglicher Kategorisierung gegenüber als sperrig erweist, hat im vielseitigen Clemens Salesny einen entsprechenden Saxophonsolisten gefunden. Einem Grätzl des dritten Wiener Gemeindebezirkes widmet der Oberösterreicher die CD "Quartier Du Faisan"- Fasanviertel. Es ist das eine der schönsten Aufnahmen, die ich in letzter Zeit hören durfte. Ähnlich wie im Projekt "Wumm! Zack!", bei dessen dritter Neuauflage Clemens Salesny die Stelle des in Melk ebenfalls nicht unbekannten Trompeters Thomas Gansch einnimmt, bricht in vertraute Formen eine unerwartete überraschende Fremde ein, die jene traditionellen Formen aber gerade zu retten vermag. Die Verfremdung vermag das reiche Erbe traditioneller Formen zu retten - aus der heinmattümelnden Erstarrung und klischeebeladenen Huldigung, wie aus dem blinden geschichtslosen Vergessen. Darin zeigen sich ein freier Umgang mit überliefertem Material und eine geistige Aufhebung von Heimat und Tradition. Dies halte ich, so weit ein derartiges Urteil aus der Sicht eines Zaungastes gestattet ist, neben der besonders in Wien sich einstellenden Begegnung von Musikern unterschiedlicher Kulturen für die wichtigste Entwicklung der letzten Zeit im weiten Feld der österreichischen Jazzmusik. Wenn jemand, der wie Max Nagl aus Gmunden, einem aus der Zeit des Nationalsozialismus mit seiner Heimattümelei schwer belasteten Gebiet, stammt, zu derartigen Projekten einlädt, gewinnt dies noch einmal eine ganz andere, geschichtsträchtige Dimension.

In die Heimat im weiteren Sinn kam der 1980 in Scheibbs geborene, in Texing aufgewachsene und 1998 in Melk maturiert habende Clemens Salesny, der bereits in den Vereinigten Staaten, Deutschland, der Schweiz, Polen, Spanien, Holland, Belgien, Irland und Kroatien aufgetreten ist, bisweilen wieder zurück. So etwa zu Pfingsten 2001: Stellen die eben erwähnten Projekte eine Konfrontation mit Volksmusik dar, so wurde Clemens Salesny zu einer Auseinandersetzung mit klassischer Musik eingeladen. Am Pfingstsonntag wird - dem Fest des Geistes, der Offenheit und des Aufbruches theologisch entsprechend - als Kontrapunkt zu den auf Barockmusik spezialisierten Internationalen Barocktagen, die zu dieser Zeit in Melk beheimatet sind, zeitgenössischen Elementen in der Musik zum Gottesdienst in der Stiftskirche breiter Raum gegeben. In diesem Jahr nun war eine für gemischten Chor gesetzte Messe des venezianischen Renaissancekomponisten Andrea Gabriele zu hören, in welche verfremdend, erweiternd, unterstützend das Spiel des Saxophons sich mischte. Zwei Jahre danach wirkte Clemens Salesny beim live im Radio ausgestrahlten Gottesdienst zum Fest Christi Himmelfahrt mit, bei dem traditionelle Gemeindegesänge im Wechselgesang von Solisten, Chor und Volk in Bearbeitung des Regens-Chori Thomas Foramitti in ganz neuem Kleid (v)erklingen konnten.

Spirituell-sakralen, sich konfessioneller Einengungen entledigenden Charakter hatte das im Rahmen des jährlich zu Ostern stattfindenden Festivals "Imago Dei" in der Minoritenkirche in Stein aufgeführte Osterbrevier "Mein Himmel ist hier und jetzt". Hier und jetzt musste auch die zu von Elfriede Gerstl gelesenen, bislang unveröffentlichten Texten gespielte Musik Renald Deppes und der Wachauer Pestbläser, deren Wahnsinn Clemens Salesny zuzurechnen ist, gehört werden, handelte es sich doch um erst im Augenblick ihre Endgestalt zeitigende klassisch-experimentelle Musik.

Als gewagtes Experiment mag auch das wohl größte Projekt, an welchem Clemens Salesny federführend beteiligt ist, gelten - die 2004 ins Leben gerufene Plattform JazzWerkstatt, welche als Eigeninitiative einer Gruppe von Musikern den etablierten Kulturbetrieb um eine wesentliche Dimension bereichert. Im Mittelpunkt dieser Initiative stehen 24 im Frühjahr stattfindende Proben- und Konzerttage im Wiener WUK, welche der Erarbeitung und Präsentation neuer Projekte von sich dieser offenen, experimentellen Atmosphäre verschreibenden Musikern/Musikerinnen und Komponisten/Komponistinnen dienen. Was am Nachmittag öffentlich, das heißt für Publikum zugänglich, entwickelt und geprobt wird, gelangt schon am selben Abend zur Aufführung. Es herrscht während dieser mehr als drei Wochen ein Zuhörer und Zuhörerinnen völlig offener Betrieb, der ein ständiges Kommen und Gehen erlaubt. Alle Konzerte werden aufgezeichnet, sodass nach Beendigung der JazzWerkstatt ein Querschnitt auf CD/DVD im eigens gegründeten Label "JazzWerkstatt Records" ediert werden kann. Das Projekt, bei dem in zwei Jahren an die 150 Musikerinnen und Musiker beteiligt waren, stellt eine gute Gelegenheit dar, jene anfangs erwähnte neue Generation aufstrebender Jazzer zusammenzuführen, und fand von Anfang an auch große mediale Resonanz im In- und Ausland. Erst kürzlich widmete etwa die Ö1 Jazznacht in Zusammenarbeit mit dem deutschen Sender WDR beinahe ihre gesamte Sendezeit jenen Konzerten, mit welchen sich die JazzWerkstatt in Salzburg vorstellte. Auch in anderen Städten Österreichs und Deutschlands kam es bereits zu Auftritten - mancherorts sind ähnliche Projekte im Entstehen begriffen. Die JazzWerkstatt beginnt sich zu einem weithin hörbaren Sprachrohr der neuen Wiener Jazzszene zu etablieren.

Musikjournalisten hätten, wollten sie einen Artikel über Clemens Salesny verfassen, wohl nachgeforscht, welcher Einfluss seinen Lehrern Andreas Gruber (Maturajahrgang 1986), Roman Punz, Christian Maurer, Klaus Dickbauer und Wolfgang Puschnig (die beiden letzteren an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien) zukommt. Sie hätten die Frage erörtert, was ihn an Eric Dolphy begeistert und wo im Feld der Post-Coltrane Saxophonisten er einzuordnen ist. Man hätte wohl den kraftvollen Ton gelobt und angemerkt, dass dessen ausgeprägte Charakteristik für das junge Alter Salesnys erstaunlich ist. Vielleicht hätte gar jemand zu fragen gewagt, ob das rhythmisch so stark akzentuierte Spiel den Solisten Salesny nicht auch als essentiellen Teil jeder Rhythmusgruppe erwiese. Das zu erörtern steht mir ebenso wenig zu, wie die Bedeutung der Auszeichnungen einzuschätzen, die Clemens Salensy allein oder gemeinsam mit der JazzWerkstatt - etwa im Rahmen der Verleihung der Hans Koller Preise - erhalten hat. Es sei mir aber die Bemerkung gestattet, dass es vielleicht der Wechsel oder besser noch: das Ineinander von Ekstase und absolut kontrolliertem Spiel ist, das der Musik von Clemens Salesny so viel an pulsierender Vitalität verleiht.

(P. Jakob Deibl, Melker Mitteilungen, Nr. 173, März 2007)

 

            
HOME